NETWASS *

Verfahren zur Prävention von zielgerichteten Gewalttaten in Schulen

*Dieses Programm entspricht den Qualitätskriterien der „Grüne Liste Prävention“.

Verantwortliche / Anbieter

Projekt NETWASS
Freie Universität Berlin
Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin
E-Mail: info@netwass-projekt.de
http://www.netwass-projekt.de

Zielsetzung

  • Verbesserung des subjektiven Sicherheitsgefühls von Schulmitarbeiter*innen,
  • Vermittlung und Erweiterung von Wissen zum Thema School Shootings (u.a. Vorfeldentwicklung, Risikofaktoren und Warnverhalten),
  • Sensibilisierung für krisenhafte Entwicklungsverläufe bei Schülern,
  • Erweiterung von Handlungskompetenz und -sicherheit, um krisenhafte Entwicklungsverläufe frühzeitig zu erkennen und zuverlässig zu bewerten (anhand kriterienbasierter Handlungsanweisungen),
  • Einführung klarer Strukturen und Handlungsabläufe zur Fallbearbeitung,
  • Förderung des Schulklimas und des Vertrauens in Schulverantwortliche.

Zielgruppe

Das Programm zielt auf das gesamte pädagogische Schulpersonal (Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulsozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innen etc.), bereits existierende Krisenteams an Schulen und interessierte Multiplikator*innen.

Inhalte und Methodik

Ansatz & Konzept von NETWASS (Network Against School Shootings)

Das NETWASS-Verfahren zur Krisenprävention ist ein strukturiertes, manualisiertes Präventionsprogramm für Lehrkräfte und weiteres pädagogisches Personal. Das Programm stellt einen präventiven Ansatz der Früherkennung zur Verfügung, der weit im Vorfeld akuter Notlagen ansetzt.
Krisenhafte Entwicklungen von Schülern sollen frühzeitig anhand von Krisensymptomen und Warnverhalten erkannt und auf Basis wissenschaftlich fundierter Kriterien bewertet werden. Die NETWASS-Bewertungsstruktur enthält u.a. Elemente der sogenannten „Bedrohungsanalyse“. Es steht jedoch nicht die Beurteilung der Gefährlichkeit eines Schülers mittels einfacher Risikoeinschätzungen im Vordergrund, sondern die frühzeitige Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in Krisensituationen. Im Fokus steht deshalb die Bildung bzw. Fortbildung eines schulinternen Krisenteams/Krisenpräventionsteams, das gemeinsam und zusammen mit Fachleuten aus dem professionellen Netzwerk Fälle bearbeiten soll.

Methoden

Essenzieller Bestandteil des NETWASS-Verfahrens sind Fortbildungen, die schulische Krisenteams/Krisenpräventionsteams dazu befähigen sollen, strukturiert anhand von Handlungsanweisungen Fallberatungen durchzuführen. Neben der Sensibilisierung und Wissensvermittlung zum Thema der schweren Schulgewalt werden Bewertungskriterien auf Fallbeispiele krisenhafter Entwicklungen angewendet und Handlungsabläufe geübt. Einen weiteren Fortbildungsschwerpunkt bildet die Erarbeitung eines schulspezifischen Konzepts zur Strukturimplementierung gemeinsam mit dem Referenten, der u.a. Empfehlungen zur Organisationsentwicklung anhand von Ergebnissen aus der Prozessevaluation geben wird.

Rahmenbedingungen

Umfang & Dauer:
Die Fortbildungen sind als Vor-Ort-Veranstaltung mit einem Umfang von zwei Tagen (insgesamt 16 Lerneinheiten) konzipiert.
Qualifikation der Referent*innen:
Als Referenten kommen Psycholog*innen und Sozialwissenschaftler*innen zum Einsatz, die an der Entwicklung und Evaluation des Programms beteiligt waren und bereits über langjährige Erfahrung in der Durchführung von Fortbildungen und der Arbeit mit Schulen verfügen.

Schulungsangebote für Multiplikator*innen in Schulen

Die Umsetzung des Programms erfolgt vorrangig in der Direktvariante, bei der Krisenteams/Krisenpräventionsteams an der jeweiligen Schule in der Regel mit bis zu max. 15 Teilnehmern fortgebildet werden. Zur Fortbildung aller Schulmitarbeiter hat zudem jede Schule die Möglichkeit, ein ergänzendes E-Learning-Modul hinzu zu buchen, welches im Rahmen der Evaluationsstudie entwickelt wurde.
Multiplikatorenmodell:
Alternativ besteht die Möglichkeit, NETWASS-Multiplikatoren auszubilden, die im Anschluss die Fortbildungen der Krisenteams an mehreren Schulen übernehmen. Interessenten sollten hierfür über eine (sozial-)pädagogische bzw. psychologische Grundqualifikation verfügen, und interessiert an der Arbeit mit Schulen sein. Nach Rücksprache mit den Programmverantwortlichen wird ein Trainingskonzept für Multiplikatoren erarbeitet, sowie Rahmenbedingungen, Fortbildungsumfang und -kosten individuell abgestimmt.

Evaluation

Die Evaluation erfolgte in einer quasi-experimentellen Studie mit follow-up nach 7 Monaten.
Im Rahmen des NETWASS-Projektes wurde von Oktober 2009 bis März 2013 die praktische Umsetzung der unterschiedlichen Fortbildungsangebote an Schulen in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg evaluiert. Die Stichprobe setzte sich folgendermaßen zusammen: T1=105 Schulen mit 3812 Lehrern, verteilt über alle Bundesländer und Schultypen. Der Umfang der Analysestichprobe reduzierte sich auf 90 Schulen und 2.059 Lehrer zu T2 und 85 Schulen mit 1682 Lehrern zu T3. Die Bildung schulinterner Krisenteams, die Wirksamkeit, Durchführbarkeit und Akzeptanz des Fortbildungsangebotes sollte überprüft, langfristig sichergestellt und die geeignetsten Schulungsbedingungen identifiziert werden. Die Programmevaluation war als summative Evaluation mit formativer Entwicklungsphase konzipiert.
Die Ergebnisse zeigten eine hohe Akzeptanz des Programms an den beteiligten Schulen, den praktische Nutzen des Verfahrens, eine psychische Entlastung der Lehrkräfte und eine universelle und ressourcenschonende Anwendbarkeit.
Des Weiteren verfügten Pädagogen und Schulpersonal, die an der Fortbildung teilnahmen, über mehr Fachwissen, eine verbesserte objektive und subjektive Handlungskompetenz und mehr Handlungssicherheit in Krisenfällen. Darüber hinaus verbesserte sich das Vertrauen in die Kompetenz der Schulverantwortlichen.
Die Befragung nach sieben Monaten zeigte signifikante Wirkungen bei allen Beteiligten der Kollegien und des Krisenteams, jedoch etwas schwächer als direkt nach der Fortbildung: Verbesserungen des subjektiven Sicherheitsgefühls der Lehrer, den Lehrer-Schüler-Beziehungen und des sozialen Klimas der teilnehmenden Schulen insgesamt.
97 Schulen der Evaluationsstudie haben das Krisenpräventionsverfahren eingeführt.

Erfahrungsberichte, Verbreitung

Seit Beginn der Evaluationsstudie (Oktober 2009) wurden 108 Schulen in drei Bundesländern fortgebildet. 98 Schulen (90%) implementierten die empfohlenen Strukturen innerhalb des siebenmonatigen Projektzeitraums. 85 Schulen (86,7%) identifizierten mithilfe der NETWASS-Kriterien 241 Fälle (im Mittel 2,6 Fälle pro Schule), die spezifische Risikofaktoren und Hinweise auf eine krisenhafte Entwicklung zeigten und an die schulinternen Ansprechpartner bzw. die Beratungsteams weitergeleitet wurden. Insgesamt wurden 228 Fallberatungen während der Dauer der Evaluationsstudie durchgeführt (im Mittel 2,5 Beratungen pro Schule).
Im Mittel zeigte sich eine hohe Zufriedenheit und Akzeptanz der Fortbildungen. Die Fortbildungen wurden hinsichtlich der gewählten didaktischen Methoden, Kompetenz des Trainers, subjektivem Wissenszuwachs und Nutzen der Fortbildungen als wertvoll und nützlich eingeschätzt.
Weitere Informationen finden Sie unter
www.ewi-psy.fu-berlin.de/v/netwass

Kosten, Unterstützungs- und Finanzierungshinweise

Eine zweitägige Fortbildung vor Ort wird mit 3.500,0 Euro (inkl. MwST.) pro Gruppe in Rechnung gestellt (max. 10 Teilnehmer, für jede weitere Person bis max. 15 Teilnehmer zusätzlich 250,00 Euro). Sämtliche Kosten für Reise, Übernachtung, Material sowie Honorare für den Referenten sind hier bereits enthalten.
Darüber hinaus wird der Erwerb des Programm-Manual „Krisenprävention in der Schule“ empfohlen (im Fortbildungspreis nicht enthalten), um die Umsetzung des Programms im Anschluss an die Fortbildungen zu erleichtern.

Bezüge zum Orientierungsrahmen Schulqualität in Niedersachsen

Das Angebot NETWASS unterstützt grundsätzlich Ergebnisse und Wirkungen (QB 1) der Unterrichts- und Erziehungsarbeit und ist damit förderlich für die Erfüllung des Bildungsauftrages nach dem Niedersächsischen Schulgesetz. Es kann dazu beitragen, die Schulqualität zu verbessern, insbesondere in den Qualitätsbereichen 3 bis 6.

QB 3: Leitung und Organisation
QM 3.1: Leitungsverantwortung (Steuerung der Qualitätsentwicklung)
QB 4: Ziele und Strategien der Schulentwicklung
QM 4.1: Schulprogramm (Leitbild)
QM 4.3: Berufliche Kompetenzen (Fort- und Weiterbildung, Gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen)
QB 6: Kooperation und Beteiligung
QM 6.1: Kooperation im Kollegium (Kooperationsstrukturen, Weitergabe von Expertise)
QM 6.3: Beteiligung (Schule als Lebensraum)

Erläuterungen:

  • Die Schulleitung übernimmt Verantwortung im Sinne der Fürsorge für die Lehrkräfte und Schüler*innen.
  • Bei Berücksichtigung im Leitbild kann es eine zu dokumentierende Maßnahme des Schulprogramms darstellen.
  • Die „Förderung prosozialem Schülerverhaltens“ stellt eine Maßnahme im Sinne gesundheitsfördernder Arbeitsbedingungen dar.
  • Absprachen im Umgang mit schwierigen Situationen fördern die Kooperation im Kollegium.
  • Externe Institutionen unterstützten die Gestaltung eines gesundheitsfördernden Erfahrungs- und Lernraums durch die Beteiligten.

Literatur / Quellen / Praxismaterialien

  • Scheithauer, H., Leuschner, V. & NETWASS Research Group. (2015). Krisenprävention in der Schule. Das NETWASS-Programm zur frühen Prävention schwerer Schulgewalt. Stuttgart: Kohlhammer,
  • Leuschner, V., Fiedler, N., Schultze, M., Ahlig, N., Göbel, K., Sommer, F., Scholl, J., Cornell,D. & Scheithauer, H. (accepted). Prevention of Targeted School Violence by Responding to Students’ Psychosocial Crises: The NETWASS Program. Special Issue Extreme Violence: Causes, Early Detection, and Intervention. Child Development,
  • Scholl, J., Sommer, F., Leuschner, V., Grote, B. & Scheithauer, H. (2015). Prävention schwerer, zielgerichteter Gewalt an Schulen. Eine onlinegestützte Fortbildung für Lehrkräfte in Deutschland im Rahmen des Programms NETWASS. Kriminalistik, 1/2015, 34-39,
  • Scholl, J., Sommer, F., Fiedler, N., Leuschner, V. & Scheithauer, H. (2013). Das Projekt NETWASS – NETWorks Against School Shootings – Ein Programm zur Prävention schwerer zielgerichteter Schulgewalt. forum kriminalprävention, 1/2013, 8-14,
  • Leuschner, V., Schroer-Hippel, M., Bondü, R. & Scheithauer H. (2013). Indicated Prevention of Severe Targeted School Violence: The Program Networks Against School Shootings (NETWASS). In: N. Böckler; T. Seeger, W.; Heitmeyer & P. Sitzer (Hrsg.) School Shootings: International Research, Case Studies and Concepts of Prevention. (pp. 401-420) New York: Springer,
  • Leuschner, V. & Scheithauer, H. (2012). Wissenschaftlich begründete Prävention schwerer, zielgerichteter Schulgewalt. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 6, 128-135,
  • Scheithauer, H., Bondü, R. (2011). Amoklauf und School Shooting: Bedeutung, Hintergründe und Prävention. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht,
  • Bondü, R. & Scheithauer, H. (2009). School Shootings in Deutschland: Aktuelle Trends zur Prävention von schwerer, zielgerichteter Gewalt an deutschen Schulen. Praxis Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 58, 685-701,
  • http://www.netwass-projekt.de