Seelisch fit in Schule ab Klasse 8 und Ausbildung
*Dieses Programm entspricht den Qualitätskriterien der „Grüne Liste Prävention“.
Verantwortliche / Anbieter
Das Präventionsprogramm „Verrückt? Na und!“ von Irrsinnig Menschlich e. V. besteht seit 2001 und wird in Niedersachsen von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e. V. (LVG & AFS) koordiniert. Die Durchführung der „Verrückt? Na und!“-Schultage übernehmen regionale Kooperationspartner*innen.
Kontakt zur Programmentwicklung:
Irrsinnig Menschlich e.V.
Frauke Risse
Erich-Zeigner-Allee 69-73
04229 Leipzig
Tel.: 0341 149190-04
E-Mail: f.risse@irrsinnig-menschlich.de
Website: https://www.irrsinnig-menschlich.de/
Kontakt zur Landeskoordination Niedersachsen:
LVG & AFS Nds. Bremen e. V.
Mareile Deppe
Tel.: 0511 3881189-225
E-Mail: mareile.deppe@gesundheit-nds-hb.de
Britta Kenter
Tel.: 0511 3881189-122
E-Mail: britta.kenter@gesundheit-nds-hb.de
Website: https://www.gesundheit-nds-hb.de/projekte/verrueckt-na-und/
Zielsetzung
Während körperliche Erkrankungen oft erst im späteren Lebensalter zum ernsthaften Problem werden, beginnen psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen oft schon vor dem 25. Lebensjahr. Im Schnitt vergehen Jahre, bis Betroffene Hilfe suchen und finden. Dabei ist die größte Hürde die Angst, stigmatisiert zu werden.
Das Präventionsprogramm „Verrückt? Na und!“ für Jugendliche ab Klasse 8 und ihre Lehrkräfte setzt hier an und besteht im Kern aus einem Schultag zur psychischen Gesundheit. Die „Verrückt? Na und!“-Schultage laden klassenweise zu einem Gespräch über die großen und kleinen Fragen zur seelischen Gesundheit ein. Die starke Wirkung von „Verrückt? Na und!“ entsteht durch die Begegnung mit Menschen, die psychische Krisen erfahren und gemeistert haben. Dabei werden Ängste und Vorurteile abgebaut, Zuversicht und Lösungswege vermittelt sowie der Schulerfolg gefördert.
Zielgruppe
Schüler*innen und ihre Lehrkräfte ab Klasse 8 aller Schulformen sowie alle Ausbildungsjahrgänge.
Inhalte und Methodik
An dem „Verrückt? Na und!“-Schultag lernen die Schüler*innen Warnsignale psychischer Krisen kennen, setzen sich mit jugendtypischen Bewältigungsstrategien auseinander, hinterfragen Ängste und Vorurteile gegenüber psychischen Krisen, erfahren, wo sie Hilfe erhalten, finden heraus, was ihre Seele stärkt, und begegnen Menschen, die psychische Krisen gemeistert haben.
Ausgangspunkt sind die Lebenserfahrungen der Schüler*innen. Häufige Themen sind z. B. Prüfungsstress, Mobbing, Schulleistungen, Belastung durch Krankheit, psychisch und suchtkranke Eltern, Drogen, Alkohol oder Zukunftssorgen.
Methodik
Ein Tandem aus fachlichen Experten*innen (z. B. Psycholog*innen, Sozialpädagog*innen) und persönlichen Experten*innen (Menschen, die psychische Krisen gemeistert haben) kommt in die Schule und führt den „Verrückt? Na und!“-Schultag durch. Durch die Begegnung mit den persönlichen Expert*innen bekommt das komplexe Konstrukt „seelische Gesundheit“ ein Gesicht, ist zum Greifen nah – und dabei ganz normal. Für weitere Informationen und Aufklärung werden Gespräche, Gruppenarbeiten, Diskussionen und Rollenspiele methodisch genutzt.
Material
Umfangreiches jugendgerechtes Material ergänzt den Schultag und ermöglicht eine nachhaltige Begleitung in der Schule:
- Hilfebox mit Pocket-Guides zu verschiedenen Themen: „Was Dich stark macht“, „Gelähmt vor Angst“, „Selbstverletzendes Verhalten“, „Depression“, „Mobbing im Klassenzimmer“ usw.,
- Regionale Krisen-Auswegweiser,
- Wanderausstellung „Wie geht’s?“
„Verrückt? Na und!“ kann mit den Angeboten von MindMatters kombiniert werden.
Rahmenbedingungen
Für Schulen:
- Die Schule informiert das Team von „Verrückt? Na und!“ vorab über ihre Erwartungen an den Schultag, die Situation und die Bedürfnisse der Klasse.
- Sie holt intern die Zustimmung der entscheidenden Personen in ihrer Schule ein wie z.B. der Schulleitung, des Präventionsbeauftragten, der Schulsozialarbeit usw..
- Sie stellt einen Schultag von 5 bis 6 Schulstunden bereit.
- Der/die Klassenlehrer*in oder eine andere Person aus der Schule begleitet den „Verrückt? Na und!“-Schultag.
- Der/die Klassenlehrer*in und die Schüler*innen füllen am Ende einen Feedbackbogen aus.
Für Kooperationspartner*innen:
Das sind Organisationen, die fachliche Expertise auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit, Versorgung, Gesundheitsförderung haben, regional bekannt und gut vernetzt sind. Diese schließen sich in Regionalgruppen zusammen, gewinnen fachliche und persönliche Expert*innen, werden ausgebildet, informieren Schulen und setzen die „Verrückt? Na und!“-Schultage vor Ort um. Irrsinnig Menschlich e. V. stellt dafür Konzept und Material bereit und sorgt für die Ausbildung der Expert*innen. Folgende Anforderungen an die Kooperationspartner*innen haben sich als sinnvoll erwiesen:
- Erfahrung in der Jugendarbeit und Arbeit mit jungen Erwachsenen,
- Erfahrung in medizinischen, psychosozialen, psychologischen und psychiatrischen Tätigkeitsfeldern,
- Kontakte zu Schulen/Bildungseinrichtungen,
- gute Vernetzung und Reputation in der Kommune,
- Kapazitäten, mindestens 10 Schultage pro Schuljahr durchzuführen,
- Bereitschaft, persönliche Expert*innen zu gewinnen und in die Leistungserbringung und Weiterentwicklung des Angebots einzubeziehen.
Schulungsangebot für Multiplikator*innen in Schulen
Auskunft dazu erteilen die Landeskoordinatorinnen der
LVG & AFS Nds. Bremen e. V.
Mareile Deppe
Tel.: 0511 3881189-225
E-Mail: mareile.deppe@gesundheit-nds-hb.de
Britta Kenter
Tel.: 0511 3881189-122
E-Mail: britta.kenter@gesundheit-nds-hb.de
Evaluation
„Verrückt? Na und!“ gehört zu den wirksamen, breit angelegten Ansätzen schulischer Gesundheitsförderung im Rahmen einer „guten gesunden Schule“ und erfüllt die zentralen Qualitätskriterien der gesetzlichen Krankenkassen. Die Wirksamkeit des Programms ist in mehreren Evaluationen der Universität Leipzig (2001, 2006, 2011, 2018) nachgewiesen: Die Reduktion des Stigmas psychischer Erkrankung verbunden mit Wissen und Aufklärung sowie die Förderung seelischen Wohlbefindens sind die zentralen Wirkungen des Programms. Das Programm steht auf der „Grünen Liste Prävention“, trägt das Wirkt-Siegel von PHINEO und wird in der nationalen Gesundheitsberichterstattung (Reiß et al., 2023) und der Nationalen Präventionskonferenz (2019) als Beispiel guter Praxis hervorgehoben.
Evaluationen zeigen folgende zentrale Ergebnisse:
Schüler*innen
- 95,5 % geben einen Wissenszuwachs zum Thema seelische Gesundheit an.
- 63,2 % wollen noch mehr zum Thema erfahren.
- 75 % sagen, dass die persönlichen Expert*innen für sie ein Vorbild sein könnten.
- 73,7 % gaben an, dass sie mit einer seelischen Krise jetzt besser umgehen könnten. Dabei zeigten sich keine Unterschiede in Bezug auf Geschlecht und Schulform.
- Sie wirken als Multiplikator*innen und verbreiten ihre Erkenntnisse durch anschließende Diskussion in den Familien und im Freundeskreis.
- Hinsichtlich des Hilfesuchverhaltens zeigt die Evaluation, dass gleichaltrige Freund*innen (Peers) und der innerfamiliäre Kreis die entscheidenden Ansprechpartner*innen im Falle einer seelischen Krise sind.
Lehrkräfte und Schulen
- Als bedeutsam erweist sich die Teilnahme der Klassenlehrer*innen am Schultag. Sie werden von vielen Schüler*innen als die wichtigsten schulische Ansprechpartner*innen im Falle einer seelischen Krise angesehen.
- Der Schultag regt zum Diskurs an: Was hat Schule mit psychischer Gesundheit zu tun? Begreifen der Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Klassen-/Schulklima und Bildungserfolg. Starkes Interesse an Fortbildung ist nachgewiesen.
- Die Regionalgruppen verabreden zunehmend dauerhafte Kooperationen mit Schulen und führen den Schultag zur seelischen Gesundheit jedes Schuljahr für alle Klassen einer Jahrgangsstufe durch.
- Die Unterstützungsnetzwerke in- und außerhalb der Schule werden gestärkt.
Erfahrungsberichte, Verbreitung
Was Schüler*innen sagen: „Wir haben uns heute viel besser zugehört als sonst. Und manche haben wirklich schon krasse Sachen erlebt.“
Was Lehrkräfte sagen: „Ich habe heute mehr über Schüler erfahren als in einem ganzen Schuljahr. Das hilft uns als Klasse besser auf uns zu achten und gut zusammen zu wachsen.“
Mehr Erfahrungen aus Schulen können auf der Homepage von Irrsinnig Menschlich e. V. abgerufen werden.
2024 wurden mit „Verrückt? Na und!“-Schultagen deutschlandweit 31.000 Schüler*innen und Lehrkräfte erreicht.
In Niedersachen wird „Verrückt? Na und!“ bislang in Rotenburg (Wümme), Grafschaft Bentheim, Oldenburg, Wolfsburg, Uelzen, Braunschweig, Hannover, Göttingen, Heidekreis und Cloppenburg durchgeführt (Stand 2025).
Bundesweite Reichweite (Stand 2025): Rund 100 aktive Regionalgruppen führen deutschlandweit „Verrückt? Na und!“ durch. International wird das Programm in Österreich, Tschechien und der Slowakei angeboten.
Kosten, Unterstützungs- und Finanzierungshinweise
Für Schulen:
Eine finanzielle Beteiligung ist in der Regel nicht zwingend erforderlich, jedoch erwünscht. Erfahrungsgemäß beteiligt sich die Mehrheit der Schulen mit rund 100,-€ pro „Verrückt? Na und!“ – Schultag.
Für Kooperationspartner*innen:
Die AOK Niedersachsen fördert „Verrückt? Na und!“-Regionalgruppen in Niedersachsen. Schultage werden bezuschusst, Regionalgruppengründungen werden anschubfinanziert, die Kosten für den dreitägigen Ausbildungsworkshop werden übernommen und Materialpakete bezahlt. Die LVG & AFS berät Interessent*innen und ist jederzeit für Fragen rund um „Verrückt? Na und!“ in Niedersachsen ansprechbar.
Die jährliche Weiterbildungsgebühr von 800,-€ im Rahmen des Kooperationsvertrages mit Irrsinnig Menschlich e. V. trägt der regionale Kooperationspartner.
Bezüge zum Orientierungsrahmen Schulqualität in Niedersachsen
„Verrückt? Na und!“ unterstützt grundsätzlich Ergebnisse und Wirkungen (QB 1) der Unterrichts- und Erziehungsarbeit und ist damit förderlich für die Erfüllung des Bildungsauftrages nach dem Niedersächsischen Schulgesetz. Es kann dazu beitragen, Schulqualität zu verbessern, insbesondere in den Qualitätsbereichen 2 bis 6.
QB 2: Lehren und Lernen
QM 2.2: Unterrichtsführung ( Lernklima)
QB 3: Leitung und Organisation
QM 3.2: Mitverantwortung (Pädagogische Verantwortung)
QM 3.3: Schulorganisation (Angebote der individuellen Beratung und Unterstützung)
QB 4: Ziele und Strategien der Schulentwicklung
QM 4.1: Schulprogramm (Leitbild)
QM 4.3: Berufliche Kompetenzen ( Fort- und Weiterbildung, Gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen)
QB 6: Kooperation und Beteiligung
QM 6.2: Kooperation nach außen (Erweiterung des Bildungsangebotes)
QM 6.3: Beteiligung (Schule als Lebensraum)
Erläuterungen:
- Die Umsetzungsinhalte schaffen ein positives Lernklima.
- Die Lehrkräfte und das pädagogische Personal übernehmen ihre pädagogische Verantwortung zur aktiven Verbesserung des Bildungsprozesses.
- Externe Ansprechpartner*innen beraten und unterstützen SchülerInnen über weiterführende und psychosozial stabilisierende Möglichkeiten im Umgang mit seelischer Gesundheit.
- Ziel ist die Verbesserung von Schulqualität sowie Arbeits- und Lernbedingungen. Bei Berücksichtigung im Leitbild kann es eine zu dokumentierende Maßnahme des Schulprogramms darstellen.
- Lehrerfortbildungen werden angeboten.
- Die „Förderung prosozialem Schülerverhaltens“ stellt eine Maßnahme im Sinne gesundheitsfördernder Arbeitsbedingungen dar.
- Kooperation im Kollegium entsteht durch wechselseitige Beratung.
- Das Angebot unterstützt die Gestaltung eines gesundheitsfördernden Erfahrungs- und Lernraums durch die Beteiligten.
Literatur / Quellen / Praxismaterialien
- Conrad, I., Dietrich, S., Heider, D., Blume, A., Angermeyer, M.C. & Riedel-Heller, St. (2009): „Crazy? So what!“ A school programme to promote mental health and reduce stigma – results of a pilot study. Health Education, 109(4), 314-328,
- Europäische Ministerielle WHO-Konferenz Psychische Gesundheit. Europäische Erklärung zur psychischen Gesundheit. Stand 14.01.2005,
www.euro.who.int/de (Zugriff:21.12.2023) - Karow, A. et al. (2013). Die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – Teil 2: Krankheitslast, Defizite des deutschen Versorgungssystems, Effektivität und Effizienz von „Early Intervention Services“. In: Fortschritte der Neurologie, Psychiatrie 2013, 81(11), 628-638,
- KKH-Allianz (2011). Weißbuch Prävention 2010I2011: Gesund jung?! Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag,
- Steinebach, Ch., Gharabaghi, K. (Hrsg.) (2013). Resilienzförderung im Jugendalter. Praxis und Perspektiven. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag,
- Nationale Präventionskonferenz (Hrsg.) (2019). Erster Präventionsbericht nach §20d Abs. 4 SGB V. (S. 204),
- Reiß, F. (2023). Perspektive Prävention: Psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt 66. (S. 391–401),
- https://www.irrsinnig-menschlich.de/ (Zugriff: 12.01.2026),
- https://www.gesundheit-nds-hb.de/projekte/verrueckt-na-und/ (Zugriff: 12.01.2026).